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«Gemeinsam sind wir stark»

Interview des Monats mit Andreas Christen

Interview des Monats mit Andreas Christen: «Gemeinsam sind wir stark» - SSB

 von Markus Angst

An­dre­as Chris­ten (Prä­si­dent der Spiel­grup­pe Trüm­mer­feld Basel): «Wir haben das Glück, ein sehr zen­tra­les Spiel­lo­kal und eine ak­ti­ve Web­site zu haben. Das ist wich­tig.»  

ma - Ein SRF-Pod­cast the­ma­ti­sier­te kürz­lich den Schach­boom in der Schweiz. Dabei kam auch der Prä­si­dent der Spiel­grup­pe Trüm­mer­feld Basel, An­dre­as Chris­ten, zu Wort.

Im SRF-Pod­cast mach­ten Sie unter an­de­rem die Aus­sa­ge, dass Schach fürs Leben schu­le. Kön­nen Sie das aus­füh­ren?

Mit Nie­der­la­gen um­zu­ge­hen, wird früh geübt. Einen Plan fas­sen kön­nen und die­sen zu ver­fol­gen, ohne dabei aus den Augen zu ver­lie­ren, dass die an­de­ren auch einen Plan haben.

Haben Sie per­sön­lich eine Le­bens­er­fah­rung dank Schach­kennt­nis­sen ge­won­nen?

Na­tür­lich meh­re­re nach fast 50 Jah­ren Ver­eins­schach. Oft ist der zweit­bes­te Plan, den man kon­se­quent durch­führt, bes­ser als der beste, den man lange sucht.

Es gibt Kul­tu­ren, die Schach als wert­voll für die Ent­wick­lung des Kin­des be­trach­ten. Wie prägt denn Schach die Ent­wick­lung eines Kin­des aus Ihrer Sicht?

Die Fä­hig­keit, sich zu kon­zen­trie­ren, wird geübt und das ist für alles, was man tut, von Vor­teil.

Kann denn das Schach­spiel auch ne­ga­ti­ve As­pek­te fürs Leben be­inhal­ten?

Alles kann ne­ga­ti­ve As­pek­te haben, aber ich bin dafür, das Po­si­ti­ve zu sehen.

Wenn El­tern Kin­der zum Schach­spiel pus­hen, um zu­künf­ti­ge Ma­the-Ge­nies zu ent­wi­ckeln, kann die Rech­nung aber auch nicht auf­ge­hen. Was den­ken Sie dazu?

Nicht alle Ma­the­ma­ti­ker sind gute Schach­spie­ler und nicht alle guten Schach­spie­ler sind Ma­the­ma­ti­ker. Zu star­ker Druck löst meis­tens Ge­gen­druck aus. Kin­der sol­len Freu­de haben!

Sie haben das Schach­spiel nicht vom Vater und/oder der Mut­ter ge­lernt.

Das ist kor­rekt, ich bin die ers­ten Le­bens­jah­re auf einem Rhein­schiff auf­ge­wach­sen. Mein Vater war Ka­pi­tän, und ein Ma­tro­se brach­te mir mit etwa fünf Jah­ren das Schach­spiel bei.

Wie lernt man in der Spiel­grup­pe Trüm­mer­feld das kö­nig­li­che Spiel?

Zu­erst schau­en wir: Was kann das Kind? Da­nach ori­en­tie­ren wir uns an der Stap­pen-Me­tho­de und geben auch Hefte ab. Einer un­se­rer stärks­ten Spie­ler ana­ly­siert mit den bes­ten Ju­gend­li­chen auch deren Par­ti­en.

Ich bin er­staunt, dass Sie Spiel­grup­pe Trüm­mer­feld heis­sen. Wie ist es zu die­ser Na­men­ge­bung ge­kom­men?

Am 21. Juni 1988 wurde die alte Stadt­gärt­ne­rei Basel po­li­zei­lich ge­schlos­sen. Ein in den Ge­wächs­häu­sern im St. Jo­hann ge­wach­se­ner Kul­tur- und Volks­park muss­te einem ge­plan­ten Park mit grü­nem Rasen wei­chen. Die au­to­no­me, un­ab­hän­gi­ge, sehr le­ben­di­ge Kul­tur­sze­ne in der Stadt­gärt­ne­rei hatte gros­se Sym­pa­thi­en in der Be­völ­ke­rung. Nach der Be­set­zung wurde durch die Po­li­zei ge­räumt, da­nach wur­den sämt­li­che Glas­schei­ben der Ge­wächs­häu­ser ein­ge­schla­gen – das war das Trüm­mer­feld. Dar­aus ent­stand die Spiel­grup­pe Trüm­mer­feld.

Und wie ent­stand Ihr Ver­eins­lo­go? Was stellt es genau dar?

Das ist das Raf­fi­nier­te. Jeder sieht etwas an­de­res in die­sem Logo. Für die einen ist es ein wach­sen­der Baum aus einer Figur, für die an­dern ein Ge­hirn auf einem Baum und für die etwas Ni­hi­lis­ti­sche­ren ein Atom­pilz – alles aus einem Schach­brett ent­ste­hend.

Was zeich­net die SG Trüm­mer­feld im Spe­zi­el­len aus?

Der Ver­ein ist aus einer al­ter­na­ti­ven, au­to­no­men Szene her­aus­ge­wach­sen. Man hat etwas Sinn­vol­les ge­macht aus der gros­sen Ent­täu­schung. Jetzt sind wir ein gros­ser und spe­zi­el­ler Schach­klub ge­wor­den.

Wie haben sich die Mit­glie­der­zah­len ent­wi­ckelt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren?

Sie sind kon­ti­nu­ier­lich ge­stie­gen.

Im Pod­cast ist von einem Schach­boom seit der Kom­bi­na­ti­on Co­ro­na und Net­flix-Se­rie «The Queen's Gam­bit» die Rede. Was haben Sie kon­kret seit 2020 fest­ge­stellt? Wir sind auf die Fak­ten, Zah­len ge­spannt.

Wir haben deut­lich mehr Mit­glie­der be­kom­men. Viele woll­ten wie­der Men­schen tref­fen und nicht nur on­line spie­len. Die meis­ten die­ser Mit­glie­der hat­ten schon eine er­staun­lich gute Spiel­stär­ke. Seit der Pan­de­mie haben wir rund 25 neue Mit­glie­der er­hal­ten. Wir haben das Glück, ein sehr zen­tra­les Spiel­lo­kal und eine ak­ti­ve Web­site zu haben. Das ist wich­tig.

Was kön­nen Sie uns noch in Bezug auf das Zah­len­ver­hält­nis zwi­schen Frau­en, Män­nern, Mäd­chen und Kna­ben bei der SG Trüm­mer­feld sagen?

Bei der Ju­gend haben wir zwi­schen 20 und 25 Pro­zent Mäd­chen. Bei den Er­wach­se­nen haben wir lei­der nur drei Frau­en. Ich denke, mit jeder wei­te­ren Frau wird es ein­fa­cher. Für rich­tig viele braucht es eine kri­ti­sche Grös­se, damit Frau­en sich wohl­füh­len.

Ein Schlüs­sel­fak­tor für das Ge­win­nen von Mit­glie­dern ist die Klub­at­mo­sphä­re. Wie sieht sie bei SG Trüm­mer­feld in die­ser Hin­sicht aus?

Was wich­tig ist: Man muss einen Ver­eins­abend haben, an dem etwas los ist, das heisst mehr als 15 An­we­sen­de. Her­kunft und Sta­tus sind bei uns nicht wich­tig. Ent­schei­dend ist, dass wir gut mit­ein­an­der um­ge­hen.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine Er­folgs­kom­bi­na­ti­on, ein Re­zept fürs er­folg­rei­che Füh­ren eines Ver­eins?

Unser Ver­eins­mot­to lau­tet «Schach für alle». Wich­tig ist, dass wir sehr nie­der­schwel­lig sind. Man kann bei uns Dut­zen­de Male kom­men, ohne etwas zu be­zah­len. Erst wenn man «Blut ge­leckt hat» und Tur­nie­re spie­len will, die ge­wer­tet wer­den, ist man bei­trags­pflich­tig. Ein oder meh­re­re «Gast­ge­ber» sind ent­schei­dend, damit sich Neue so­fort gut ein­le­ben. Für uns ist das So­zia­le min­des­tens so wich­tig wie das Schach als sol­ches. Ein gutes Ge­spräch über Gott und die Welt ist bei uns auch immer mög­lich.

Wor­auf ach­ten Sie im Spe­zi­el­len als Prä­si­dent?

Her­kunft und Na­tio­na­li­tä­ten sind bei uns nicht wich­tig. Bei den Ju­ni­or(inn)en legen wir gros­sen Wert auf das Bitte und Danke, das wird von uns ein­ge­for­dert. Eben­so, dass man dem Geg­ner gra­tu­liert, wenn er ge­won­nen hat. Jeder Sie­ger braucht auch einen Ver­lie­rer. Man sagt auch auf Wie­der­se­hen. Es sind die klei­nen wich­ti­gen Be­nimm­re­geln, die wir Vor­le­ben, das gibt einen so­zia­len Hand­lauf.

Gibt es noch an­de­re Merk­ma­le, wel­che die SG Trüm­mer­feld aus­zeich­nen?

Es gibt viele klei­ne Ver­net­zun­gen im Klub. Sei es als Lauf­grup­pe, zu­sam­men an den FCB-Match gehen oder ge­mein­sam an ein Kon­zert. Wir spie­len auch gerne aus­ser­halb un­se­res Stamm­lo­kals, dem «Union». Wir sind jeden zwei­ten Don­ners­tag im Foyer Pu­blic des Stadt­thea­ters Basel, und ein­mal im Jahr spie­len wir im Ha­fen­are­al. Wir waren auch schon auf dem Mat­thä­us-Markt.

Sie sind schon 71 Jahre alt. Woher neh­men Sie die En­er­gie und die Kraft, Ihren Schach­klub wei­ter­hin zu füh­ren?

Ich habe Freu­de an Men­schen und bin in­ter­es­siert, mich aus­zu­tau­schen. Denn ge­mein­sam ist man stark. Es macht Spass zu sehen, wie der Ver­ein sich ent­wi­ckelt.

Im Pod­cast sag­ten Sie, dass die SG Trüm­mer­feld den Mit­glie­dern eine Hei­mat gebe. Kann ein Klub eine der­art wich­ti­ge Rolle im Leben eines Ju­gend­li­chen oder Er­wach­se­nen spie­len?

Wo man Freun­de trifft und sich wohl­fühlt, ist immer auch ein Stück Hei­mat. Das gilt für alle Kul­tu­ren, die bei uns Schach spie­len.

Ein Mul­ti-Kul­ti-Klub also?

Bei un­se­ren jun­gen Er­wach­se­nen ist dies tat­säch­lich beim ge­sel­li­gen Zu­sam­men­sein im Foyer immer wie­der fest­stell­bar. Da wird in mehr als drei Spra­chen dis­ku­tiert. Kreuz und quer. Und dabei wird sehr viel ge­lacht.

Im Pod­cast er­wähn­ten Sie zudem, wie wich­tig es sei, einen Plan zu haben – im Leben und beim Schach­spiel. Wie sieht denn Ihr Zu­kunfts­plan für die SG Trüm­mer­feld aus?

An der letz­ten Voll­ver­samm­lung ist es uns ge­lun­gen, einen Vor­stand mit neun Per­so­nen zu bil­den, die etwas tun wol­len. Die Grün­der­ge­ne­ra­ti­on und ähn­lich Alte wer­den lang­sam, aber si­cher in der zwei­ten Reihe ste­hen. Neue Kräf­te wer­den den Ver­ein wei­ter­füh­ren.

In­ter­view: Gra­zia­no Orsi

An­dre­as Chris­ten per­sön­lich

Wohn­ort: Basel.

Alter: 71.

Beruf: Pen­sio­när.

Hob­bys: SG Trüm­mer­feld. Ich liebe es, Kon­zer­te von Jazz bis Klas­sik zu be­su­chen und auch ins Thea­ter zu gehen. Das Live-Er­leb­nis gibt mir immer wie­der En­er­gie. Gutes Essen mit eben­sol­chem Wein.

ELO (Schweiz): 1857 (Liste 1/25).

Klub: SG Trüm­mer­feld.

Lieb­lings­schach­spie­ler: Mi­cha­el Tal. Mir ge­fällt aus­ser­or­dent­lich, wie er Kö­nigs­in­disch spiel­te.

Schach-Buch­tipp: «Mein Sys­tem» von Aaron Nim­zo­witsch. Die­ses Buch hat mir sehr viel ge­ge­ben, was ich heute noch ver­wen­den kann.

Web­links

SG Trüm­mer­feld

In der «Schwei­ze­ri­schen Schach­zei­tung 5/24» fin­den Sie einen Ar­ti­kel zum Thema «Vom On­line-Schach in den Klub», in dem auch An­dre­as Chris­ten zu Wort kommt.

Der Schach­boom hält an

Der ein­gangs er­wähn­te SRF-Pod­cast dau­ert rund 30 Mi­nu­ten. Darin wer­den ins­be­son­de­re der gros­se Mit­glie­der­zu­wachs der Schach­klubs the­ma­ti­siert und Ver­glei­che zwi­schen On­line-Schach und Schach am Brett ge­macht.

Im Pod­cast zu hören sind die Schwei­zer Na­tio­nal­spie­le­rin WGM Lena Ge­or­ge­s­cu, An­dre­as Chris­ten (Prä­si­dent der SG Trüm­mer­feld), Mar­tin Birch­mei­er (Ju­nio­ren­trai­ner der SG Trüm­mer­feld) und Mar­kus Angst («SSZ»-Chef­re­dak­tor und Me­di­en­spre­cher des Schwei­ze­ri­schen Schach­bunds).