2.Liga NMM
Matchbericht Trümmerfeld II
Zu Gast bei Novartis1
Natürlich hat sich der stellvertretende Mannschaftsleiter verlaufen. Zum Glück hatte er aber genügend Zeit eingeplant, sodass er nach einem kurzen Ausflug über die Grenze doch pünktlich im Spiellokal von Novartis ankam.
Bernhard Erb empfing uns und wurde kurz vor Beginn des Matchs noch ungeduldig, da die meisten seiner Spieler erst auf den letzten Drücker einrückten. Wussten auch sie nicht, wo ihr Spiellokal lag? Das scheint eher unwahrscheinlich.
Mit Holzhauer 2201, Karpov 2015, Boehm 1952, Faoro 1824, Erb 1794 und Lehmann 1686 bot Novartis ein erfahrenes Ensemble auf, das einen Elo-Schnitt von 1912 und damit im Durchschnitt etwa 30 Elo mehr aufwies als unsere Equipe, wobei die Spieler unseres Teams hinsichtlich Elo ausgeglichener aufgestellt waren als der Gegner. Keine unmögliche Aufgabe, doch war unser zweites Team in diesem Auswärtsspiel trotz der Verstärkung durch Antoni nicht der Favorit.
Dann ging es los. Wie immer sieht jede Stellung bei den Trümmerfeldspielern nach den ersten 5 Zügen ganz unterschiedlich aus. Wie könnte es anders sein - Reti bei Helmut, wobei sein Kontrahent schon im zweiten Zug zu einer kuriosen Variante griff. Bernd blieb sich treu und spielte Pirc mit einem frühen Da5 - wie bei seiner Siegpartie gegen SAMBY letzte Woche. Auch Peter bekam es - wie letzte Woche - mit der skandinawischen Verteidigung zu tun. Franz wird die englische Eröffnung aufgezwungen, die er gekonnt behandelte. Noah wartete mit seiner bewährten Marocsi-Struktur auf und Antoni am ersten Brett spielte wieder unbeirrt sein System mit den ersten paar Zügen, die ihm schon oft gute Dienste erwiesen haben - wurde aber erstmals mit vier Bauern des Gegners im Zentrum überrascht. Die Heere haben sich positioniert. Die Herren sitzen konzentriert an ihren Brettern. Eine Dreiviertelstunde in der Partie hatten alle ihren 10. Zug gemacht, wobei Peter schon etwas kritisch steht und Noah und Helmut signifikant mehr Zeit in Anspruch genommen haben, als die restlichen Spieler - sollte dies noch eine entscheidende Rolle spielen im weiteren Verlauf? Zur Erinnerung: Für die ersten 36 Züge dürfen nicht mehr als 90 Minuten gebraucht werden pro Spieler und für den Rest der Partie wird zur verbleibenden Zeit noch eine halbe Stunde dazugeschlagen.
Es sind nun eineinhalb Stunden seit Spielbeginn verstrichen und schon kommt der erste Paukenschlag. Peter verlässt gefasst die Spielstätte. Er sei schon in der Eröffnung in Rücklage geraten. Nun gut - das ist das Zeichen als Mannschaftsleiter Präsenz zu markieren und das Terrain zu sondieren (von Bernd in Nyon gelernt). Alle befinden sich etwa bei ihrem zwanzigsten Zug. Bernd und Bernhard ringen um das Zentrum und um gute Felder für ihre Figuren. In dieser Stellung hätte Bernd mit der Dame zurücknehmen sollen um seine Bauernstruktur intakt zu lassen.
Unsere verbleibenden Weissspieler konnten bis jetzt Vorteile in der Raumbeherrschung aufweisen, doch haben sowohl Noah wie auch Helmut nur noch eine knappe halbe Stunde für ihre nächsten 16 Züge. Franz schien gut in das Mittelspiel gefunden zu haben und ist drauf und drann, seine beiden schwarzen Türme auf der offenen c-Linie zu verdoppeln.
Antoni hat gegen den wertungszahlmässig stärksten Spieler des Abends eine interessante Stellung auf dem Brett. Hier hätte der Zug 17... Sbd3 zum Ausgleich geführt. Der Springer ging aber nach a6.
Würden die zwei zentralisierten Springer des Gegners schon bald mit den Hufen scharren und wie beim Rodeo um sich treten oder waren das nur zahme Ponnis, die mit einem Klapps auf das Hinterteil das Weite suchen würden. Wie wird sich die Bauernstruktur im Zentrum verändern, wenn die beiden Schimmel abgetauscht würden? Die Auflösung nach der Werbung.
Und schwubs, schon verliess der erste Gaul, im Gegentausch mit dem schwarzfeldrigen fianchettierten Läufer das Spielbrett. Antonis Pferdchen seinerseits hat sich in der Art eines Quarterbacks - verteidigt durch einen eigenen Bauern auf a4- hinter der Phalanx der gegnerischen Fusssoldaten festgebissen in der Erwartung weiterer Heldentaten. Doch der Bauernsturm, den der Gegner auf dem Damenflügel lanziert, scheint auch nicht ohne. Bei näherer Betrachtung wurde einem dann klar, dass Antoni schon vor grossen Problemen stand. In der hier abgebildeten Stellung schlug der Gegner gar nicht erst auf a8 den Turm mit dem Springer, sondern übte mit 29. Dg4 weiter Druck aus auf den König.
Und schon das nächste spielentscheidende Ereignis. War das so geplant von Bernhard Erb? Bernd gewinnt überraschend die Qualität nach 31... Txe1+.
21 Uhr. Wie sieht es bezüglich Material, positionellen Vorteilen und Zeitmanagement aus?
Man weiss nicht, ob man eher bei Noah oder bei Helmut Angst wegen der verbleibenden Zeit haben muss. Beide Spieler haben eine aussichtsreiche Stellung vor sich auf dem Brett, wobei Helmut es geschafft hatte die Bauernformation des Gegners zu zerpflügen und jenen mit einigen Bauerninseln und einem Doppelbauern vor Probleme zu stellen.
Noah hat auch nur noch etwas weniger als 10 Minuten für doch einige Züge. Novartis hat analoge Schachuhren aufgestellt, die wohl schon mehr Zeit gezählt haben als Noah selber alt ist. Weiss unser Spieler noch, dass es nur 90 Minuten für die ersten 36 Züge sind? Die alten, hölzernen Schachuhren könnten verwirrend sein. Kann er in dieser kritischen Phase des Spiels die Nerven behalten und in ein ihn behagendes Endspiel abwickeln oder wird es nochmals knapp an Brett vier?
Bernd hat zwei Läufer in einer offenen Stellung für einen Springer und zwei Bauern, doch die Damen und eine handvoll weiterer Bauern sind noch auf dem Brett. Hat Bernhard etwas in der Hinterhand oder wird er über kurz oder lang den schwarz- und weissfeldrigen Heckenschützen zum Opfer fallen?
Oje oje. Noahs Fähnchen steht schon beängstigend senkrecht und Noah selber blitzt die nächsten Züge schnell aus dem Handgelenk.
Geschafft. Der 36. Zug ist gespielt, doch hat es Lucca Faoro bewerkstelligen können die Stellung kompliziert zu halten und Noah momentan gar etwas in die Defensive zu treiben?! Die nächste Stunde wird Klarheit bringen, ob Noah alles richtig kalkuliert hat und zu einem Gegenschlag fähig ist.
Des Weiteren konnte Bernd sein Endspiel vereinfachen, in dem er vorbildich mit präzisen Zügen die Bauernkette des Gegners auf den schwarzen Feldern festlegte und seinen verbleibenden Läufer - das Spielfeld kontrollierend und von seinem Bauern auf f6 gedeckt - im 38 Zug im Zentrum platzierte.
Bei Franz hatte man bis ins Mittelspiel nie das Gefühl Unbehagen verspüren zu müssen und auch Helmut spielte seine Partie bis hier unaufgeregt und immer den nächsten kleinen Vorteil suchend.
Doch wie sah es bezüglich Zeit aus?
Die nächste akute Zeitnot. Helmut bleiben nur einige Sekunden für die nächsten sechs Züge. So genau kann man das bei diesen alten Uhren gar nicht sagen. Gleichzeitig geht die Partie von Antoni verloren. Helmut, weiter in Sachen Zeitmanagment der Manier eines Ding Liren in der diesjährigen Weltmeisterschaft folgend, hüllt nichts desto trotz in den letzten Zügen vor der Zeitkontrolle seinen Kontrahenten in ein Mattnetz ein und gewinnt seine Partie.
Nun geht es Knall auf Fall. Auch Bernd kann seinen Vorteil weiter ausbauen und besiegt Bernhard im Endspiel. Ein Blick rüber zu Noah reicht, um dem stellvertretenden Teamleiter die Gewissheit zu geben, dass durch Noahs baldigen Sieg mindestens ein Unentschieden und damit ein Mannschaftspunkt in der Fremde drin liegen, vielleicht ja mehr.
Franz, unser Held aus der zweiten Runde SGM konnte einem Qualitätspfer nicht wiederstehen, aber musste leider wegen einer Miskalkulation, nach noch zähem Kampf als Letzter verbleibender Spieler die Segel streichen.
Unentschieden gegen ein starkes Novartis I. Schon früh eins zu null zurückliegend konnten unsere Spieler zwischenzeitlich sogar mit drei zu zwei in Führung gehen. Mit drei Siegen an den hinteren drei Brettern lieferten Bernd, Noah und Helmut, welche allesamt eine höhere Elowertung aufwiesen als ihre Gegner souverän ab. Nach den Partien wurde noch die eine oder andere Variante im Flur des Klubhauses rege analysiert. Ein spannender Schachabend geht zur Neige.